Rick De Marinis: „Das Jahr des Zinkpennys“

Rick De Marinis: „Das Jahr des Zinkpennys“, München 1993, aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog, im Original unter dem Titel „The Year of the Zinc Penny“ New York 1989, die deutsche Taschenbuchausgabe hat 180 Seiten, zur Zeit für ganz wenig Geld antiquarisch per Internet z.B.

Das Buch beginnt mit einem klaustrophobischen Satz:
„Während meiner ersten Nacht in dem Kinderheim beschloߟ ein Junge namens Sylvester Snell, daߟ ich ihm gehörte.“ (S. 5)
Am Ende hinterlässt es eine melancholische Stimmung. Erzählt wird eine Kindheits- oder Adoleszenzgeschichte, die so eigenartig wie normal ist. De Marinis zeigt viel Gefühl dafür, wie Kinder dieses Alters die Welt sehen und Erwachsene oder auch den Krieg.
Geschildert wird ein knappes Jahr im Leben des etwa zehnjährigen Trygve Napoli im Jahr 1943 in den USA. Seinen Vornamen hat er, weil seine Vorfahren norwegischer Herkunft sind und vielleicht auch ihn mit einem norwegischen Fatalismus ausgestattet haben, der ausreicht, den langen Winter zu überdauern. (Vgl. S. 11)
Prekäre Familienverhältnisse setzen dem Jungen zu, der aber doch bei sich bleibt und in der Lage ist, die Dinge irgendwie zu meistern ohne zu verzweifeln oder zu zerbrechen. Da kann einerseits die Distanz des Erzählens hineinwirken, zum andern gelingt es de Marinis, die Perspektive eines Heranwachsenden gut zu treffen, der das alles noch nicht zu schwer nimmt.
Ein charakteristisches Merkmal des Buches sind die Phantasien, denen sich Trygve hingibt und die wohl auch ein Mittel sind, das Wirkliche zu ertragen. Oft sind es Tagträume von soldatischem Heldentum, die vor Kitsch nicht Halt machen. – Gegenbild zum Alltag.
Man entrinnt ihm damit nicht, aber vielleicht wird er momentweise erträglicher; die arme Seele träumt sich unwillkürlich aus ihm fort, sucht Zuflucht, und sei es bei Traumbildern.
Es ist eine harte Geschichte, aber so kommt sie nicht daher. Das hat seinen Grund darin, wie de Marinis sie erzählt.
Es ist eine Geschichte von Unsicherheit, Unzuverlässigkeit, von Ausgeliefertsein und Gewalt. Das beginnt mit dem ersten Satz und zieht sich durch das ganze Buch.

Gleich zu Beginn benennt der Erzähler die Furcht als die zentrale Kraft seines Lebens. (Vgl. S. 8) Und er weiߟ: Jedes zentrale Ereignis geschieht abrupt, Wahl hat er keine. (Vgl. S. 9)

Unter den Schülern geht es alttestamentarisch zu (vgl. ebd.), Prügel sind normales „Kommunikationsmittel“ und es erscheint ihm nötig, sich mit einer variablen Persönlichkeit zu maskieren. (Vgl. S. 10)

Und von seinem Onkel bekommt er Weisheiten fürs Leben offeriert, diese hier erinnert auch an „Buick Rivera“ (hier im Blog besprochen):

„“So sind die Weiber eben“, sagte Onkel Gerald. „Durch ihr ständiges Genörgel zwingen sie einen Mann dazu, mehr zu trinken als er normalerweise tun würde.“ Er prostete mir zu und zwinkerte. „Laß dir das eine Lehre sein, Master Trygve. Das Genörgel des weiblichen Geschlechts rafft einen Mann dahin, wenn er es zulässt.““ (S. 16)

Der Junge lebt in einem Haus, das „Festung“ genannt wird und in dem weder Haustiere noch Kinder erlaubt sind – was dazu führt, dass die Kinder, sobald der Hausbesitzer naht, auf ein akustisches Signal hin fluchtartig das Haus verlassen und sich in einem unterirdischen Bunker verstecken müssen.

Der Onkel schlägt die Tante, dann schlafen sie wieder zusammen, der Vetter, nur wenig älter als der Erzähler, will zu den Marines. Trygve hofft: „Hoffentlich dauert er bis 1950“ und meint den Krieg, damit er auch noch teilnehmen kann, muss sich dann aber vom Vetter sagen lassen, dass er gar kein Heldentyp sei. (S. 22)

Im Kino sieht er sich gern Dracula-Filme an. (Vgl. S. 64)

Sein Vetter William ist für sein Alter viel zu hart und zu zynisch. Er raucht bereits, fährt Auto wenn es sich machen lässt und legt sich mit zwei älteren Jungs an, die er aber mit Hilfe der Zinkpennys zur Minna macht: „Das Geräusch war das Geräusch einer rohen Kartoffel, die von starken Händen entzweigebrochen wurde. Der Junge fiel um, die Hände vor dem Gesicht, über sein Kinn und auf das Hemd lief Blut.“ (S. 47)

Zusammen mit seiner merkwürdigen Tante philosophiert Trygve über den Tod (vgl. S. 59 f.) und er erfindet einen „privaten Katechismus“, der ihm helfen soll, „das Problem des Todes einzukreisen“. (S. 61) Sein Philosophieren und Phantasieren über den Tod wird jedoch durch seinen Freund Azad, dessen Vater erschossen wurde, relativiert und mit der Wirklichkeit konfrontiert. (Vgl. S. 62)

Dann ist er elf und redet davon als magischer Zahl.

Ein Krankenhausaufenthalt wird durch die Waschungen der Krankenschwester und die Klärung der Besitzverhältnisse am eigenen Körper ebenso denkwürdig wie durch den Leukämie-Tod eines Mädchens namens Hildy, das er kennenlernte. Das führt ihn zu der ܜberlegung, Gott sei alt und lahm geworden und könne sich nicht mehr um die Belange der Menschen kümmern. „Wie sonst lieߟ sich der Zustand der Welt erklären?“ (S. 114 ff.)

Dann sind die Nachbarn plötzlich verschwunden – weil sie Juden sind. (Vgl. S. 118 ff.)

Sein Bruder wird zum Militär eingezogen – und will überhaupt nicht. Seine Mutter reagiert mit kalter Gleichgültigkeit. Sein Vetter William besorgt sich in Mexiko eine gefälschte Geburtsurkunde, mit der er sich zwei Jahre älter und somit für das Militär verfügbar macht. (Vgl. S. 121 ff.)

Er geht ins Kino, lernt zu lügen und hört an seinem selbstgebastelten Radio hinaus in die Welt. Sein Onkel Gerald, der ihm einmal zeigte, wie er richtig gehen könne, (S. 30 f.) und der ihm von einer Eskimofrau erzählt, mit der er einmal zusammen war, kommt aus dem Krieg zurück, verhält sich eigenartig, trinkt nicht, ist nicht sauer und hilft ihm, eine überdimensionierte Radio-Antenne aufs Dach zu bauen, die Trygve „Malcolms Rache“ taufen wird, in Erinnerung an den jüdischen Freund, der das Haus verlassen musste. Damit empfängt er die Stimmen der Welt. Bald darauf wird das Schiff auf dem der Onkel wieder unterwegs in Sachen Krieg ist, torpediert werden und Gerald als verschollen gelten. (Vgl. S. 153)

Das alles spielt in Los Angeles im Jahr 1943, er imaginiert einen Flugzeugangriff auf Japan, (vgl. S. 150) wie Amerikaner und Japaner zu sehen sind (vgl. S. 159) hat er gelernt, das wird gar nicht weiter erwähnt oder erklärt. So hält der Schulleiter gern Propagandareden bei jeder Morgenandacht, die sich so anhören: „“Der Japs, der Nip hingegen lebt in einer Ameisengesellschaft, sogar in Friedenszeiten. Er denkt wie eine Ameise, und daher wissen wir, was uns erwartet. Er ist berechenbar. Er ist bereit, groߟe Mengen seiner Soldaten in einer unsinnigen Angriffswelle nach der anderen abschlachten zu lassen – auch dies genau wie der Ameisenkrieger. Er betont, welche Ehre es sei, für den Kaiser zu sterben. Bei diesem Vorhaben werden wir ihn unterstützen, Kinder. Ich halte die Behauptung nicht für gewagt, daߟ einige von euch jungen Männern ihn eines Tages in seinem Vorhaben unterstützen werden und ihm die Ehre erweisen, sich zu seinen Vorfahren zu gesellen.“ Die Jungen klatschten frenetisch Beifall.“ (S. 159 f. Die Hervorhebungen entstammen dem Original)

Beschädigungen wie etwa die durch diese perfide Indoktrination werden nicht hervorgehoben oder gar kommentiert, es ist am Leser, sie zu bemerken. De Marinis erzählt sehr gut, ja kunstvoll, ohne das allerdings auszustellen. So werden zum Beispiel die Wechsel auf die Phantasieebene des Helden, von denen das Buch durchsetzt ist, durch nichts vorbereitet oder kenntlich gemacht. – Das ist gar kein Problem, im Gegenteil: Genau so musste es sein.

Im Gespräch mit seiner Tante erfährt er:

„“In jedem Leben, Tryg,“, sagte sie, „hat man eine Last zu tragen.“

„Wenn das nicht die verflixte Wahrheit ist“, sagte er freundlich.

„Dir steht es frei, sie gut zu tragen oder schlecht oder überhaupt nicht“, fuhr Tante Ginger fort. „Das ist die einzige Freiheit, die den Menschen bleibt. Tragen sie die Last gut, wird sie in ihren späteren Leben leichter. Falls sie sie aber schlecht tragen, wird sie schwerer, sogar unerträglich.““ (S. 170)

Wie leider üblich finden sich auch in diesem Buch ein paar Druckfehler. Was die ܜbersetzung angeht, kommt man an einigen wenigen Stellen ins Zweifeln, etwa wenn es heiߟt etwas sei „doppelt so klein“ – warum nicht halb so groߟ, was ja wohl gemeint ist? (S. 86) Und welcher Leser weiߟ folgenden Satz richtig zu lesen: „“Mein Dad“, würde ich in der Schulpause sagen, „ist Bordschütze in einer Fliegenden Festung.““ (S. 162) Wer, der sich als Kind nicht für Flugzeuge interessiert hat, weiß, was das ist, eine Fliegende Festung? Es handelt sich nicht um ein Phantasiegebilde, auch nicht um einen riesigen bemannten Steinhaufen, der durch die Luft saust, sondern um eine Legende unter den amerikanischen Kriegsflugzeugen. Darum hätte man „Flying Fortress“, so der Spitzname der Boeing B 17, besser unübersetzt gelassen. Es handelte sich um einen viermotorigen Bomber, dessen Prototyp im Jahr 1935 entwickelt wurde und der seinen ersten Kampfeinsatz 1941 im Dienst der RAF gegen Wilhelmshaven hatte. (Wer sich dafür interessiert: z.B. www.b17flyingfortress.de)

Ein wenig irritierend auch „korallenrosa“ – sagt man nicht Korallen seien rot? (S. 151)
Unter dem Strich ein trotz aller geschilderten Härten feinfühliges, gut gemachtes, lesenswertes Buch, das von Ferne manchmal an Charles Bukowskis groߟes und großartiges „Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend“ erinnert.
Das Buch beginnt und endet mit der Trennung von der Mutter. Zuerst im Kinderheim, die alptraumhafte Fahrt mit einem Schweigenden Großvater dahin, wird nachgeliefert. Das Ende ist wieder eine Fahrt, diesmal nicht nach L A, sondern weg davon, nach einem knappen Jahr, im Zug, diesmal mit der ersten Zigarette auf der Zugtoilette mit einem (symbolischen?!) „zittrigen Kilroy“ an der Wand. (S. 181)
So kann man dem jungen Helden nur mit der New York Times wünschen, „daߟ das wunderbare Kind Trygve eines Tages, dank seiner Seelenstärke und seiner unbändigen Phantasie, die traurige Kindheit hinter sich lassen und seinen eigenen, persönlichen Krieg gewinnen wird“. (Auf dem Umschlagdeckel)


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